Periimplantäres Weichgewebe und die langfristige Stabilität implantatgetragener Versorgungen

Quelle: Adaptiert nach Gomez-Meda et al., 2021.
Einleitung
Über viele Jahre lag ein wesentlicher Schwerpunkt der modernen Implantologie auf der Osseointegration und dem Erhalt des marginalen Knochenniveaus. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, dass die Stabilität des periimplantären Weichgewebes für die periimplantäre Gesundheit, die ästhetische Stabilität und die Langlebigkeit implantatgetragener Versorgungen eine ebenso wichtige Rolle spielt.
Das zunehmende Interesse am periimplantären Gewebe beruht auf seiner Funktion als biologische Schnittstelle zwischen der Mundhöhle und den Stützstrukturen des Implantats. Faktoren wie die Mukosadicke, die Breite der keratinisierten Mukosa und die korrekte Gestaltung transmukosaler Komponenten können die periimplantäre Gewebestabilität und damit den langfristigen Behandlungserfolg unmittelbar beeinflussen.
Aus diesem Grund wird das Weichgewebsmanagement in der Implantologie heute nicht mehr ausschließlich unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachtet. In der modernen Behandlungsplanung bilden periimplantäre Biologie, prothetisches Design und digitale Workflows eine gemeinsame klinische Strategie mit dem Ziel, stabile Gewebeverhältnisse um das Implantat langfristig zu erhalten.
Was ist periimplantäres Weichgewebe und warum ist es wichtig?
Zu den periimplantären Geweben zählen die Weich- und Hartgewebe, die das Zahnimplantat umgeben und am biologischen Verschluss, an der ästhetischen Stabilität sowie am Schutz vor bakteriellen und mechanischen Einflüssen beteiligt sind. Das periimplantäre Weichgewebe bildet dabei eine funktionelle Barriere zwischen der Mundhöhle und den Stützstrukturen des Implantats.
Seine Stabilität ist für implantatgetragene Versorgungen besonders relevant, da sie die Lage des Mukosasaums, den Erhalt des marginalen Knochenniveaus und die ästhetische Integration der Restauration mitbestimmt. Ein gezieltes Weichgewebsmanagement rund um Implantate sollte daher bereits in den frühen Behandlungsphasen berücksichtigt werden und nicht erst bei der definitiven prothetischen Versorgung.
Biologische Besonderheiten des periimplantären Weichgewebes
Im Vergleich zu den parodontalen Geweben natürlicher Zähne weist das periimplantäre Gewebe eigene histologische und biologische Besonderheiten auf.
Am natürlichen Zahn inserieren die Kollagenfasern des Bindegewebes überwiegend senkrecht in das Wurzelzement. Am Implantat verlaufen sie dagegen vorwiegend parallel zur Oberfläche der transmukosalen Komponente. Darüber hinaus ist das periimplantäre Bindegewebe im Vergleich zum Parodont geringer vaskularisiert.
Diese biologischen Unterschiede gehen mit einer geringeren Abwehrkapazität gegenüber bakteriellen und mechanischen Belastungen einher. Dadurch ist das periimplantäre Weichgewebe gegenüber biologischen Herausforderungen im Implantatumfeld besonders empfindlich.
Vor diesem Hintergrund rückt in der modernen Implantologie der periimplantäre Phänotyp zunehmend in den Fokus. Er beschreibt die anatomischen und geweblichen Merkmale rund um das Implantat, die das langfristige Verhalten der periimplantären Gewebe beeinflussen.

Periimplantärer Phänotyp: Mukosadicke, keratinisierte Mukosa und Gewebestabilität
Aktuelle Erkenntnisse deuten darauf hin, dass ein dünner periimplantärer Phänotyp mit einer geringeren Weichgewebsstabilität, einer höheren Häufigkeit mukosaler Rezessionen und einer erhöhten Anfälligkeit für marginalen Knochenverlust verbunden sein kann.
Als besonders relevant gelten derzeit drei Parameter:
Periimplantäre Mukosadicke
Mehrere Studien zeigen, dass eine Mukosadicke von ≥2 mm die Stabilität des periimplantären Gewebes begünstigt und mit geringeren krestalen Knochenveränderungen nach der Implantation assoziiert ist.
Keratinisierte Mukosa bei Implantaten
Eine Breite der keratinisierten Mukosa von mindestens 2 mm wurde mit günstigeren klinischen Parametern, geringeren Plaque- und Blutungswerten sowie einer niedrigeren Prävalenz periimplantärer Erkrankungen in Verbindung gebracht.
Suprakrestale Gewebehöhe
Die korrekte Ausbildung des periimplantären suprakrestalen Gewebekomplexes zählt weiterhin zu den wesentlichen Faktoren für die langfristige Stabilität der periimplantären Gewebe.
Transmukosale Komponenten und Stabilität des periimplantären Weichgewebes
Mit dem besseren Verständnis der periimplantären Gewebebiologie wird deutlich, dass der langfristige Erfolg einer implantatgetragenen Versorgung nicht allein vom Implantat abhängt. Transmukosale Komponenten bilden die direkte Schnittstelle zwischen Restauration und Weichgewebe und spielen daher eine zentrale Rolle für die biologische Stabilität der Versorgung.
Design, Höhe und Oberflächeneigenschaften dieser Komponenten können die periimplantäre Gewebestabilität und den langfristigen Behandlungserfolg beeinflussen. Entsprechend sollte die Auswahl transmukosaler Abutments und prothetischer Komponenten sowohl mechanische als auch biologische Kriterien berücksichtigen.
Transmukosale Höhe bei Implantaten
Die transmukosale Höhe beeinflusst die Beziehung zwischen Restauration, prothetischer Komponente und periimplantärem Weichgewebe. Eine geeignete Auswahl kann dazu beitragen, den suprakrestalen Gewebekomplex zu respektieren und einen stabilen Übergang zwischen Implantat und Restauration zu unterstützen.
Material, Oberfläche und Biofilmakkumulation
Faktoren wie Emergenzprofil, Materialwahl und Oberflächeneigenschaften der Komponenten können unter anderem folgende Aspekte beeinflussen:
- Stabilität des Weichgewebes.
- Biofilmakkumulation.
- Periimplantäre Entzündungsreaktion.
- Stabilität des Mukosasaums.
- Krestaler Knochenumbau.
Emergenzprofil bei Implantaten: kritische und subkritische Kontur
Ein Konzept, das die Gestaltung implantatgetragener Restaurationen in den vergangenen Jahren wesentlich geprägt hat, ist das gezielte Management des Emergenzprofils. Die Gestaltung des Emergenzprofils bei Implantaten beeinflusst die Unterstützung des Weichgewebes, die Position des Mukosasaums und die ästhetische Integration der definitiven Restauration.
Kritische Kontur des Emergenzprofils
Die sogenannte kritische Kontur liegt im koronalsten Bereich des Emergenzprofils und beeinflusst maßgeblich die endgültige Position des Weichgewebes. Ihre Gestaltung sollte die während der provisorischen Versorgung entwickelte Gewebearchitektur respektieren und unnötigen Druck auf den periimplantären Mukosasaum vermeiden.
Subkritische Kontur des Emergenzprofils
Die subkritische Kontur dient dagegen der Unterstützung des umgebenden Gewebes und ermöglicht es, dessen Volumen in den verschiedenen Behandlungsphasen gezielt zu modulieren. Eine geeignete Gestaltung unterstützt einen harmonischen Übergang zwischen Implantat, prothetischer Komponente und Restauration.
Das Esthetic Biological Contour (EBC) Konzept für die Gestaltung des Emergenzprofils implantatgetragener Restaurationen
In jüngerer Zeit wurden diese Ansätze zu umfassenderen biologisch orientierten Konzepten wie dem Esthetic Biological Contour (EBC) weiterentwickelt, das das transmukosale Profil in verschiedene funktionelle Bereiche gliedert. Innerhalb dieses Modells formt die Esthetic Zone die sichtbaren Weichgewebe, die Bounded Zone unterstützt den Aufbau und Erhalt des periimplantären Mukosaverschlusses, und die Crestal Zone steht in Zusammenhang mit der Stabilität der Stützgewebe und dem Erhalt des marginalen Knochenniveaus.
Das gezielte Management dieser Bereiche während der Provisorienphase erleichtert die Übertragung der periimplantären Gewebearchitektur auf die definitive Restauration. An diesem Punkt greifen restaurative Zahnheilkunde, Parodontologie und Implantatprothetik ineinander und werden zu einer gemeinsamen biologischen und restaurativen Strategie.

Quelle: Adaptiert nach Gomez-Meda et al., 2021.
Digitale Workflows zur Erhaltung des periimplantären Weichgewebes
Digitale Workflows haben das Management periimplantärer Gewebe deutlich verändert. Individuell ausgeformte Emergenzprofile lassen sich heute mit Intraoralscannern erfassen und an das Dentallabor übertragen. Dadurch kann die während der Provisorienphase entwickelte Gewebearchitektur präziser in die definitive Versorgung übernommen werden.
Scan-Abutments, CAD-Bibliotheken und CAD/CAM-Lösungen sind damit zu wichtigen Werkzeugen geworden, um die klinisch gewonnene biologische Information zu erhalten. Bei implantatgetragenen Versorgungen kann die digitale Übertragung des Emergenzprofils dazu beitragen, Abweichungen zwischen Provisorium, Labordesign und definitiver Restauration zu reduzieren.
Individuelle CAD/CAM-Abutments ermöglichen darüber hinaus, das transmukosale Profil individuell zu gestalten und an die biologischen und prothetischen Anforderungen des jeweiligen Falls anzupassen - insbesondere dann, wenn die Stabilität des periimplantären Weichgewebes eine zentrale Rolle spielt.
DESS® Lösungen für das Management periimplantärer Weichgewebe
In diesem biologisch orientierten Behandlungskonzept sind prothetische Komponenten nicht mehr nur mechanische Verbindungselemente, sondern Werkzeuge zur Erhaltung und gezielten Gestaltung periimplantärer Gewebe.
DESS® bietet in diesem Zusammenhang Lösungen, die sich in alle Phasen des restaurativen Workflows integrieren lassen und Zahnärzte sowie Labore dabei unterstützen, Biologie, Prothetik und digitale Prozesse in einer gemeinsamen Behandlungsstrategie zusammenzuführen:
- Komponenten mit der patentierten Periocoat® Technologie: Die auf Zirkoniumnitrid (ZrN) basierende Beschichtung kommt bei verschiedenen DESS® Lösungen zum Einsatz und wurde entwickelt, um die Oberflächeneigenschaften der Komponente zu optimieren und die bakterielle Adhäsion zu reduzieren.
- Multi-Unit Abutments mit anatomischem Profil, entwickelt für einen physiologischeren transmukosalen Übergang.
- MUA+: Aufbauend auf dem anatomischen Design der DESS® Multi-Unit Abutments kombiniert MUA+ die patentierte Periocoat® Technologie mit einem Profil, das für einen physiologischeren transmukosalen Übergang konzipiert ist.
- DESSLoc®: Retentionssystem für implantatgetragene Deckprothesen, das mit patentierter Periocoat® Technologie verfügbar ist und prothetische Funktion mit dem Erhalt periimplantärer Gewebe bei herausnehmbaren Versorgungen verbindet.
- Thinner Ti-Base: Gerade Lösung für schmale Plattformen, die einen weicheren Übergang zwischen Implantatdurchmesser und Restaurationsprofil unterstützt. Das Design ermöglicht natürlichere Emergenzprofile und kann die ästhetische Integration der Restauration in das periimplantäre Weichgewebe verbessern.
- Thinner ANGLEBase®: Basierend auf derselben Designphilosophie wie die Thinner Ti-Base unterstützt diese Lösung einen progressiven Übergang zwischen Implantat und Restauration und damit natürlichere Emergenzprofile. Zusätzlich ermöglicht sie eine Korrektur des Schraubenzugangskanals um bis zu 25° bei 360° Rotationsfreiheit und erweitert so die restaurative Flexibilität.
- Pre-Milled Blanks (vorgefräste Rohlinge) für die CAD/CAM-Fertigung individueller Abutments. Damit lässt sich das transmukosale Profil individualisieren und das Emergenzprofil präzise an die biologischen und restaurativen Anforderungen des jeweiligen Falls anpassen.
Über die Eigenschaften der einzelnen Produkte hinaus besteht das Ziel darin, klinischen Anwendern Werkzeuge bereitzustellen, mit denen sich Biologie, Prothetik und digitale Workflows in einer gemeinsamen Behandlungsstrategie verbinden lassen.

Häufig gestellte Fragen zum periimplantären Weichgewebe
Was sind periimplantäre Gewebe?
Periimplantäre Gewebe sind die Weich- und Hartgewebe, die ein Zahnimplantat umgeben. Sie tragen zum biologischen Verschluss bei, schützen die Stützstrukturen und unterstützen die ästhetische und funktionelle Stabilität der Versorgung.
Was versteht man unter periimplantärem Weichgewebe?
Als periimplantäres Weichgewebe bezeichnet man die mukosalen Gewebe, die den Durchtrittsbereich des Implantats beziehungsweise der prothetischen Komponente umgeben. Ihre Stabilität beeinflusst die periimplantäre Gesundheit, die Position des Mukosasaums und die ästhetische Integration der Restauration.
Was ist der periimplantäre Phänotyp?
Der periimplantäre Phänotyp beschreibt die Gewebemerkmale rund um das Implantat, darunter die Mukosadicke, die Breite der keratinisierten Mukosa und die suprakrestale Gewebehöhe.
Warum ist keratinisierte Mukosa bei Implantaten wichtig?
Eine ausreichende Breite keratinisierter Mukosa wurde mit günstigeren klinischen Parametern, geringerer Plaqueakkumulation, weniger Blutung und einer besseren Stabilität periimplantärer Gewebe in Verbindung gebracht.
Was ist das Emergenzprofil bei Implantaten?
Das Emergenzprofil beschreibt die Form, mit der die Restauration aus dem Implantatbereich in die Mundhöhle übergeht. Seine Gestaltung beeinflusst die Unterstützung des Weichgewebes, die Position des Mukosasaums und die ästhetische Integration der definitiven Versorgung.
Wie beeinflussen transmukosale Komponenten das periimplantäre Weichgewebe?
Transmukosale Komponenten bilden die Schnittstelle zwischen Restauration und Weichgewebe. Design, Höhe, Material und Oberfläche können die Biofilmakkumulation, die periimplantäre Entzündungsreaktion und die Gewebestabilität beeinflussen.
Fazit
Die Implantologie entwickelt sich zunehmend in Richtung eines biologisch orientierten Behandlungskonzepts. Die Knochenstabilität bleibt unverzichtbar, doch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen, dass auch das Verhalten des periimplantären Weichgewebes entscheidend zum langfristigen Erfolg implantatgetragener Versorgungen beiträgt.
Das Management periimplantärer Gewebe sollte deshalb bereits in den frühen Phasen der Implantatplanung berücksichtigt werden. Die Verbindung biologischer, restaurativer und digitaler Prinzipien ist entscheidend, um die periimplantäre Gewebestabilität zu fördern und die Langlebigkeit implantatgetragener Versorgungen zu unterstützen.
Literaturverzeichnis
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3) Structure, biology, and function of peri-implant soft tissues in health and disease: a comprehensive review of the literatura. Néstor Ríos-Osorio 1, Luis Gabriel Ladino 2, Mario Guerrero-Torres 2
4) Prospective observational cohort study of the change of the marginal bone crest in relation to the prosthetic abutment height and the peri-implant vertical mucosal thickness at implants positioned subcrestally. Serafín Maza-Solano 1, María Baus-Domínguez 1, Manuel-María Romero-Ruíz 1, Aida Gutiérrez-Corrales 1, Daniel Torres-Lagares 1, María-Ángeles Serrera-Figallo 1
5) Long-term stability of soft tissue augmentative procedures at implant sites Lorenzo Tavelli 1 2 3, Shayan Barootchi 1 2 4, Samuel Akhondi 1, Edward Shih-Chang Tseng 5, Francisco Salvador Garcia-Valenzuela 6, Istvan A Urban 1 4 7, Hom-Lay Wang 4
6) Keratinized Mucosa Width and Incidence of Peri-Implant Diseases: A Systematic Review With Meta-Analysis. Isabella Neme Ribeiro Dos Reis 1 2, Daniel Stefan Thoma 1, Thaís Emília da Silva 2, Milena Quesada Passos 2, Luisa Souza Feitosa 2, Cláudio Mendes Pannuti 2, Ronald Ernest Jung 1, Nadja Naenni 1
7) Peri-implant phenotype influences outcomes of tissue-level implants at five years Autoren: Hamoun Sabri, Parham Hazrati, Lorenzo Tavelli, Carlos Garaicoa-Pazmino, Javier Calatrava, Hom-Lay Wang, Shayan Barootchi
8) The esthetic biological contour concept for implant restoration emergence profile design: Ramon Gomez-Meda DDS1 | Jonathan Esquivel DDS2 | MarkusB.BlatzDMDPhD